Erfolg, wider Erfolg
Erfolg, wider Erfolg
Erfolg, der unbedingt sein muss, nach Innen wie nach Außen, hat in den letzten Jahren Erscheinungsweise und Gestalt, Physiognomie und Charakter verändert. Zeugnis davon legt ab die Verwandlung der Apotheose des Erfolgs in die schiere, bedingungslos sich allenthalben setzende Ich-Behauptung. Diese folgt zwar dem Gebrauch von technischen Geräten, die an Seele und Identität nicht nur, wie früher, 'mitschreiben', um eine Bemerkung Nietzsche zu verwenden, sondern sich in diese hineingefressen haben, bis von ihnen nichts anderes mehr übrigbleibt als die Ausstülpung ihrer Spur von Markierungen, Verzeichnungen, Verbildlichungen. Die Ich-Apparate sind längst seriell, aber auch zum Maßstab aller Darstellungsbewertungen geworden: Ich-phone ('I-phone'), Ich-pad ('I-pad'), mit dem Gleichklang von 'Auge' und 'Ich' (Eye/ I). Instagram spätestens sichert die serielle Gleichheit des Erlebens als Leben aller, erwirkt durch Glättungen und Angleichungen. Der sarkastisch affirmierte Traum Andy Warhols, dass alle nun sich gleich sind, seelenlos, reine Oberfläche, ja: veritable Maschinen, scheint sich erst jetzt zu bewahrheiten – zumindest mir scheint der Traum ebenso affirmativ wie in seiner Bejahung abgrundtief sarkastisch: Seht, es ist nicht wir, was da läuft, wir laufen nur als Illusion mit.
Ego überall
Diese Diagnose erscheint inzwischen trivial und apokalyptisch zugleich, aber sie folgt nicht mehr dem Muster der alten Diagnose vom finalen Zerfall von Kultur, Identität, Zivilisation. Nachfolgender Bemerkung muss der Deutlichkeit halber vorangestellt werden, dass sie klar einzuschränken ist auf die saturierte Welt der Gesellschaften, deren Luxus auf Ausbeutung externalisierter Anderer und auch darauf beruht, dort 'draußen' erbarmungslose Vernichtungskriege zu entfesseln, die man sich mit Polizei und Armeen vom Leibe halten will. Unter dieser Vorgabe darf folgende Diagnose versucht werden: In einem Zeitalter, in welchem Subsistenz nichts mehr zählt, Ästhetisierung alles auszumachen scheint, in einem solchen Zeitalter und innerhalb eines solchen Territoriums, einer solchen Geographie, sieht es so aus, als seien nahezu alle zufrieden mit der Rolle des serialisierten, gleichgeprägten Konsumenten. Hier bleibt vom alten Wunsch nach einem Eigenen, nach Abweichung oder gar Transgression rein gar nichts übrig. Außer die Erinnerung, die sich auf eine Vehemenz eines Wünschens bezieht, das sich in der Geschichte blamiert hat und ohne Selbstgefälligkeit und Egozentrik nicht auskommen mochte. Eben jener Egozentrik, die heute entfesselt zu sein scheint mittels mediatisierter Ästhetik und apparativ gestützten Erlebens in den Reichtumsgesellschaften.
Inzwischen reicht es, sein Leben als eines darzustellen, das gar keine Geschichte haben muss. Und erst recht keine hat. Sondern das einfach da ist und sich selber genügt. Das Ich in der Selbstbespiegelung, das Ich beim Aufstehen, beim Verzehr von Banalitäten, artikulierend Absonderungen von Banalitäten, getauscht mit und bekräftigt durch die Banalitäten der anderen. Absolute Gleichförmigkeit macht, dass schon am-Leben-Sein identisch wird mit dem ästhetisierten Erfolg als Darstellen des reinen Daseins. Das klingt nicht nur sarkastisch, sondern ist auch wirklich zynisch gegenüber all denen, die wissen, was Leben als Überleben ist, der harte Kampf nicht nur unterm Diktat des Mangels, sondern der Entbehrungen, Beschädigungen, Verstörungen, von Krieg, Gewalt, Vergewaltigung, Hunger, Tod. Aber die sind ja eben 'draußen' und wären, jagte man sie durch den Bildfilter von Instagram, also Instagram selber, bei dem man Filter nicht abwählen kann, was allerdings auch niemandem einfällt, ihrerseits nur pittoreske und episodische Motive. Das Leben erschöpft sich im permanenten Vor-Zeigen-Müssen. Angesichts dieser seriell unentwegt bekräftigten Ego-Maschinen werden alle zu Ego-Shootern, wenn auch ganz anders als noch im inkriminierten Spiel und den kritischen Diskussion um die Tötung in Spiel und Ernst von Anderen, wie sie vor zehn Jahren geführt worden sind (vgl. hier die Abb. 'Shooter' von Beate Geissler/ Oliver Sann und die Bildbeschreibung am Schluss dieses Textes).
Das inerte Glück beseelt-glückseliger Besänftigungen – Aldous Huxleys 'brave New World' brauchte dafür neuro-chemisch wirksame Glücks-Drogen. Diese laufen heute im Nebenbei, sind aber nicht das wichtigste. Serielle Selbstbekräftigung, idiotische Selbstbespiegelung realisieren vorrangig den vitalen Wunsch, gleich zu sein wie alle anderen. Die Sicherstellung der seriellen Gleichheit mit der Mehrheit der Anderen ist, was heute 'Erfolg' heißt. Es bedarf dazu keines Wachstums mehr, keines wirklichen Überschreitens der Bedingungen des eigenen Lebens, die nach Innen Beschränkung bedeuten, nach Außen Ansporn bieten für das Erreichen von etwas Singulärem. Das ist heute nicht mehr nötig. Auch die Künste laufen im Gleichklang mit den bewährten Oberflächen der Affirmation. Ego-Shooter allenthalben und überall, eingedampft und eingehagt im Bild eines 'Selbst', das immer nur 'Ich' sagt, also Beschwörung seiner selbst ist.
Erfolg bedarf, wie gesagt, inzwischen noch nicht einmal einer Erzählung. Die Beschwörung solcher Erzählungen, die gar keine mehr sind, erweisen auch als Kollateralschäden der apparativ gestützten Egomanie. Und sei es, dass Erfolg nur noch darin mündet wie gründet, das Erfolglose zum Erfolg zu stilisieren. Auch Scheitern hat keine Größe mehr. Man muss sagen: nicht einmal mehr Scheitern, es sind auch davon nur noch kleine oder Hungerformate im Umlauf. Wer aber meint, scheitern zu sollen oder sich ein Scheitern einzugestehen, der muss dies, wenigstens im Eintritt in die Spiegel der Ego-Maschinen, wiederum gegenläufig zum eigentlich Gemeinten, als erfolgreich darstellen. Daraus geht kein Paradoxon hervor. Das macht nur, dass wirkliche Probleme, wirkliches Elend nicht mehr darstellbar oder kommunizierbar sind, sondern einfach verschwinden in ein Unter- oder Außerhalb. Wer nicht mehr einer Inkorporation seiner selbst als Ego-Maschine zuarbeiten kann oder will, der vagabundiert als Schmutz durch die Gegend, ist überall falsch und nicht mehr Teil der Gesellschaft. Eine Gesellschaft wie die bundesdeutsche mit ihren ideologisch gleichgezogenen, auf Reihe gebrachten Verlautbarungs-Medien, in denen die gewiss wahren, ebenso gewiss lügenhaften, da auf unstatthafter Auswahl und willkürlichen Maßen beruhenden Zahlen zu Arbeitslosigkeit, sozialem Elend, Altersarmut, Vereinsamung, kurzum zur beängstigenden Pauperisierung wachsender Teile der 'normalen' Bevölkerung, täglich an den Bild- und Tonmaschinen wiederholt und verlautbart werden, eine solche Gesellschaft erscheint unweigerlich als Gegenteil ihrer selbst. So kann man, und ist damit gut beraten, alle Meldungen über Wirtschaftsaufschwung und Prosperität als Belege ihres Gegenteils deuten, nämlich bezeugend wachsendes Elend unter den Menschen. Wieso die öffentlich-rechtlichen (wie das früher hieß:) Rundfunkmedien in ihren Nachrichten-Sendungen von einem Niveau sind. das man aus verpönten früheren Zeiten und falschen Zonen von der DDR bis, in extremis, Nordkorea kennt, ist ein anderes, hier nicht weiter zu verfolgendes Problem, das aber nur zu gut in das Phantombild der längst systemrelevant gewordenen Inversionen von Wahrheit und Wahrhaftigkeit in statisch zurechtgestutzte, verkleidete Propaganda passt.
Jedenfalls darf man doch meinen und erwarten, dass Redaktionen von 'Tagesschau' und 'heute', also ARD und ZDF, willens sein sollten, nicht einfach die Zahlen aus den offiziellen Ämtern, z. Bsp. der Anstalt für Arbeit, zu verlesen, sondern diese kritisch zu kommentieren, ihre Selektivität zu recherchieren und aufzudecken, alternative Bemessungen vorzuschlagen, in denen deutlich wird, dass Erfolg und Wachstum im einen Bereich ('anonymisierte Wirtschaft'), in einem anderen, dem der realen Menschen, identisch geworden ist mit wachsender Armut und Verelendung.
Seltsame Geschichten, diese Historien über den Erfolg. Viel verkaufen, viel absetzen, heute: viele followers haben, man sieht, wie die Einschaltquotenmentalität sich Bahn gebrochen hat. Die beruht ja auf absoluter Inhalts-Indifferenz, ist frei von qualitativen Überlegungen, misst nur ein formelles Anwesendsein. In einem solchen Zeitalter wirkt es gespenstisch, wenn sich die Politik nicht mehr um eine qualitative Konzeption von Leben und Subsistenz kümmern, sondern einzig noch 'Digitalisierung' beschwören will, also die weitere Auszehrung der sozialen Subsistenz statt Grundversorgung im Sozialstaat betreibt. Offenbar sind keine Konzepte vorhanden, so dass es heute widersinnigerweise so zu sein scheint, dass die Politiker, die nur ein technisches Detail zu beschwören wissen, sich überall ein Silicon Valley wünschen, ausgerechnet jedoch einige der gigantischen Firmen desselben aber begonnen haben, vor solcher unbegrenzter und gestaltloser Digitalisierung zu warnen. Ja, was ist zu tun, wenn die technische Entfesselung der Produktivkräfte durch einen deliberativen Kapitalismus dazu führt, dass die bisherigen elementaren Koppelungen zerbrochen und zerstört werden?
Arbeit und Verelendung
Arbeit vergegenständlicht sich nicht mehr in Werten, die wiederum abgegolten werden mit Geldmitteln für eine Subsistenz, deren Erfolg sich ihrerseits in der schöpferischen lebendigen Arbeit zu äußern vermag. Dieses Modell ist deutlich obsolet inzwischen. Nicht nur das Zeitgetriebe ist zerbrochen, sondern auch die Verzahnung von Wert, Arbeit, Lohn, Zeit und Geld. Die technische Entfesselung bewährt sich disruptiv und disjunktiv, schlägt also ungehemmt auf das Leben vieler Menschen durch und gefährdet dieses, zerstört es zuweilen gar.
Es wäre, so scheint mir, ein Minimalgebot von der Politik zu verlangen, dass sie nicht 'Digitalisierung' predigt, von der sie im übrigen weder etwas zu berichten noch diese schon nur elementar zu definieren weiß. Sondern dass sie Konzepte entwickeln muss für Leben, Handeln und Subsistenz all derjenigen Menschen, deren Aussonderung aus dem Arbeitsprozess nichts anderes bezeugt als den gigantischen Erfolg des technischen Fortschritts, der Steuerungs-Algorithmen, der Symbiose von Maschinen an Stelle der Menschen, von Robotik, Automatisierung und weiterem. Der Erfolg des Kapitalismus als technisches Agglomerat ist inzwischen identisch geworden mit der Pauperisierung, also: Verelendung, der Menschen. Das hat nichts mehr mit der früheren, systemnotwendigen 'industriellen Reservearmee' freigesetzter Arbeiter als Arbeitsloser zu tun, sondern mit dem Aushebeln grundlegender Mechanismen des bisherigen Erfolgs und gesellschaftlichen Fortschritts. Die Menschen sind nun nur noch insoweit werthaft oder wertvoll, als sie vom maschinisierten System als ganzes mitsamt ihrer Lebenszeit konsumiert werden. Es bedarf nicht mehr des Umwegs über schöpferische Arbeit. Wie das funktioniert führt allerdings erst die Epoche der Ego-Shooter-Maschinen vor: ästhetisierte Ich-Heit als serielle Gleichförmigkeit in der Demonstranz des allüberall gleichen Belanglosen, das emphatisiert wird als gelingendes Leben durch apparative Selbstmodellierung (symbolisch, physisch, stofflich, strukturell).
Was also geschieht, wenn der Kapitalismus real-technisch so rasant produktiv fortschreitet, dass er selber seinen Produktivitätsmaßstab, nämlich Vergegenständlichung von lebendiger Arbeit in Wert und Mehrwert außer Kraft setzt? Was also, wenn Erfolg bedeutet, die bisherigen Grundlagen abzuschaffen, Bedingungslosigkeit herzustellen, alles Stoffliche und dadurch noch Hinderliche restlos zu zerstören? Und damit sind nicht nur Umwelt, Natur und die Sphäre sozialen Handelns gemeint, sondern die Assimilation und Unterwerfung menschlicher Arbeit durch die entwickelte Maschinerie als solcher, also in ihrem Gesamtverbund, nicht in ihren einzelnen Komponenten.
Einer der ganz wenigen, der dem Kapitalismus solchen radialen Fortschritt wirklich zutraute, war Karl Marx. Die Stunde dieses besten Analytikers der kapitalistischen Gesamtbewegungen scheint erst jetzt gekommen. Marx hielt in seinen 'Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie', geschrieben zwischen 1857 und 1859 fest, dass es möglich ist, dass der Kapitalismus technisch so schnell und produktiv voranschreitet, dass er die Koppelung von Arbeit, Wert und Lohn aushebelt. Und zwar durch Automatisierung und Robotisierung. Durch deren Entfesselung zeigt sich, dass nicht mehr menschliche Arbeit produktiv ist, sondern nur deren 'anderes', der Verband von Maschinen, die zunehmend auf die Steuerungsebene sich verschieben, also Verbünde von Apparatesteuerungs-Maschinen ausformen. Müssen dann nicht Maschinen die Subsistenz sichern? Und was bedeutet das für einen Staat, der hier Agent werden muss? Diese Fragen stellte Marx unter anderem im legendären 'Maschinenkapitel' der genannten Skizzenhefte, die eine Folge veritabler, zukunftsmächtiger Analysen enthielten und die erst 1939–1941, also fast 100 Jahre nach der Niederschrift, vom 'Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdSU' in Moskau veröffentlicht worden sind.
Kunst, Provokation
Und was macht die Kunst? Damit, dagegen, dafür? Kunst ist gewiss niemals selbstgenügsam. Und wird doch stetig auch entkräftet durch anerkennende Verharmlosung und allerlei Erfolgsbeschwörungen. An dieser Stelle der Argumentation ist es unvermeidlich, eine gehörige Portion Skepsis gegen die Untugend der Kunst- und Kulturpreise zu artikulieren. Ja, man mag diese gar als obszön betrachten, da die Irrelevanz der Kunst für die Handlungsoptionen der Gesellschaft mit der Ausbildung eines Subsystems in Gestalt einer Belohnungsökonomie abgefedert worden ist, die nichts anderes als, wenn auch zum Teil üppige, Almosen für die Adaptierung systemkonformer Rollen bereithält: Kulturbetrieb eben. Natürlich mag man jungen Künstlerinnen und Künstlern, zumal Studierenden jeden nur erdenklichen Erfolg wünschen. Abgesehen davon, dass man damit die Obszönität der Kulturpreise in Kauf nehmen muss, stellt sich aber die Frage, wie ein solcher zu verstehen wäre? Was kann er bedeuten? Wie sieht das im konkreten Leben aus, in der Miniatur des hier und jetzt Gegebenen?
Mit und zugleich von seiner Arbeit leben können, ist das wertvollste. Die Lage ist schwierig, die Spannungspole weit voneinander abgelegen, das täglich fordernde Dazwischen voller Zerreißproben und Fliehkräfte. Wer im Kunstbetrieb veritablen, also zwingend großen Erfolg hat, ist automatisch mit den problematischen Schattenseiten der kriminellen Instrumentalisierung oder einfach der systemischen Dimensionen der weitweiten Kunstökonomie konfrontiert. Wer zu wenig Erfolg hat, also die Allermeisten, droht, nach und nach in Armut abzusinken. Kommen die inneren Bedingungen dazu, die Unerbittlichkeit im Verfolgen eigener Ziele, der Ehrgeiz, der unbedingte Wille zur Kunst, also auch Rücksichtslosigkeit sich selbst gegenüber, ohne die es einfach nicht geht.
Nicht selten kostet dies nicht nur das ökonomische oder soziale Leben, sondern das Leben überhaupt. Der Preis ist hoch, viel zu oft zu hoch. Mit großer Traurigkeit vernehmen wir regelmäßig jedes Jahr, dass sich einige der besonders begabten und gefährdeten Studierenden und Ehemaligen an Kunsthochschulen ihr Leben nehmen. Das gibt es sonst zwar auch, aber man hat doch den Eindruck, dass Ermüdung, Erschöpfung, Auszehrung in den so genannten Wohlstandsregionen der Welt in der Sphäre der Kunst und bei den schöpferisch Begabten sich stärker häufen als im Querschnitt der gesamten Gesellschaft.
'Erfolg' ist – diese Folgerung drängt sich leider in aller Deutlichkeit auf – inzwischen auch ein Synonym für die Kaschierung einer Selbstverblendung, die den eigenen Wahnsinn nicht bemerkt. Erfolg haben in der Sphäre der Kunst ist um den Preis dieser Selbstverblendung nicht gerechtfertigt. Diese nicht wahrzunehmen, ist nicht länger nützlich. Mit Konsequenz seiner Arbeit nachgehen zu können, in Würde und Radikalität diese umzusetzen zu vermögen – das bezeichnet eine Balance, die das eigentliche Kunststück im Machen der Kunst ist und bleiben wird. Zudem ein Glück, den das Leben nur schenken kann.
Es ginge also um eine andere Kunst, der man Erfolg wünschen mag: Der Kunst im Sinne einer befreiten wie befreienden Subsistenz, zu der Klugheit, Engagement und Bereitschaft zur Solidarität gehören. Insistenz und Klugheit in der Verfolgung der je eigenen Subsistenz ist das Radikalste und Beste, was jungen Künstlerinnen und Künstlern geschehen kann. Wenn man denn will: Solches wäre der Erfolg. Den zu wünschen, soll und darf und kann man weiterhin auch im Zeitalter der apokalyptischen Skepsis gegen den Selbstmodellierungswahn des zwanghaft behaupteten, mittels Druck jederzeit vorzeigbaren Erfolgs. Wie aber verhält Kunst sich zu den systemischen Grundzwängen von Akkumulation, Erfolg, Wachstum und ihren Grenzen? Dazu sei, erneut, ein Blick auf Georges Bataille geworfen.
Verausgabung, Verschwendung
Georges Bataille hat beschrieben, weshalb nicht das Wachstum eines lebendigen Systems das Problem seiner Selbsterhaltung sein kann. Es erzeugt nämlich, wenn es denn ein wirklich lebendiges ist, immer mehr Energie, als es zu seiner Erhaltung verbrauche. Wenn dies für die diversen Systeme und Lebensformen gilt, dann läuft der produktive, also erfolgreiche Zustand dieser Organisationsweise unweigerlich auf eine Überproduktionskrise hinaus, die bekanntlich oft schon in der Geschichte nur durch Vernichtung und Krieg 'gelöst' worden ist. Man darf angesichts dieser desaströsen Kehrseite der Zivilisationen das Fixiertsein auf Wachstum mit Fug als einen regressiven, jedenfalls einen unterkomplexen Zustand des Denkens bezeichnen, der wohl auch psychologisch regressiv ist, nämlich auf Allmachts- und Größenphantasien ausgerichtet. Elias Canetti hat die Magie der immer größeren Zahlen, die Verführung durch Steigerung, Akkumulation, Anhäufung entsprechend analysiert – an diesen hängen auch der Erfolg, der Glanz der Eitelkeiten, Ruhmsucht, Bestätigung, Vorzeigen dessen, was man so alles bewirken zu können meint. Die große Kunst der Erhaltung des Lebendigen ist demgegenüber aber nicht durch die Fortsetzung des Wachstums, sondern – ganz im Gegenteil – durch eine intelligente Verschwendung gekennzeichnet. Eben daran gebricht es den auf produzierende Akkumulation ausgerichteten Systemen, seien sie kapitalistisch, monopolkapitalistisch, sozialistisch, dirigistisch, disjunktiv, imperialistisch oder kommunistisch. Alle sind sie versessen auf Wachstum, Zuwächse. Nur an der Steigerung, strikte Huldigung der Magie der immer größeren Zahl, bemisst sich darin der Erfolg. In diesen werden statistisch Werte eingerechnet, die nicht nach gut und schlecht unterscheiden.
Das staatlich geschützte Wachstum, der Erfolg als Akkumulation ist rigide und bedingungslos, da er seiner Unbedingtheit alle anderen Werte als abgeleitete Bedingtheiten unterwirft – Natur, Umwelt, Mitwelt, zuletzt und zur Gänze: das Leben. Im Sinne der Wachstums-Apotheose des Fortschritts- und Erfolgsdenkens gehören auch Krieg, Zerstörung, Vernichtung und Schändung des Lebens zu den positiven Erträgen, zur erfolgreiche bewerteten Form der Steigerung. Nicht nur ein Maß wie das Brutto-Inland-Produkt legt davon Zeugnis ab. Die Erzeugung von Waffen, die ökologische Gefährdung des Lebens, Gewalt und Vernichtung in jeglicher Gestalt – sie alle tragen, indifferent gegen Moral, Ethik und Werte – zum Erfolg als Wachstum bei. Bataille kommt in der Beantwortung der Frage, was denn die herkömmlichen ökonomischen Systeme für Strategien der Verausgabung oder Verschwendung entwickelt haben, zu deprimierenden Resultaten. Faschismus, Realsozialismus, Imperialismus, aber auch der 'normale' Kapitalismus – sie alle verstünden sich nicht auf eine Kunst der Verschwendung, weshalb die nicht aneigenbaren Überschüsse in Krieg, Gewalt, Zerstörung und Vernichtung einmünden und dort in entfesselter Destruktivität bilanztechnisch wieder auf null gestellt werden würden. Mit grausamen Folgen für das Leben, im allgemeinen und, erst recht, das konkrete Leben so vieler Einzelner.
Verschiebung, Transformation
Es bleibt also gegen die Akkumulation und den Glanz von Erfolg nur die Entwicklung einer Kunst planvoller und intelligenter Verausgabung, Formen der Vernichtung von lebendigen Werten, die nicht irgendwann das Leben gefährden. In Betracht der Tatsache, dass Lebendigkeit Mehrenergie erzeugt, muss die Produktivität oder der Erfolg des Lebendigen irgendwann unterbrochen und umgelenkt werden. Wir, die wir davon keine Ahnung haben, wissen immerhin genau, weshalb sich die westlichen Staaten derzeit noch nicht einmal auf Ökologie, Umwelt- und Lebensschutz einstellen wollen. Weil sie zutiefst verängstigt sind bei der Vorstellung, es müsse dann auf Wachstum verzichtet und es müssten andere Wege gegangen werden.
Was daran schlimm ist, da doch Wachstum und Erfolg in Zerstörung und Gefährdung zwangsweise umschlagen, ist allerdings nicht verständlich. Sehr wohl zu verstehen ist jedoch, dass in der heutigen Zeit und angesichts der Fetischisierung von Erfolg Erfolglosigkeit eine moralisch höherwertige Tugend und Widerstand gegen den Fetisch von Erfolg und Akkumulation – auch in den Formen von Egozentrik, Aufmerksamkeitserheischung, Zählung von Followern, Einschaltquoten oder was auch immer – zu einer Bürgerpflicht ersten Ranges geworden ist. Erfolgsverweigerung aber macht sich nicht von alleine, sie muss geformt, erstritten, ausgestaltet werden. Und dies keineswegs als neue Form vorzeigbaren Erfolgs. Die Herausforderungen des Lebendigen gegen dessen Überschwang in sanfter Radikalität und Auflösung des Terrors der Akkumulation, von Wachstum und Erfolg zu wenden, das erfordert heute alle Intelligenz und Phantasie, zwingt auf neue Wege – siebzig Jahre nach Georges Batailles Niederschrift seiner Anregungen zur Kritik der Souveränität und Ökonomie in 'der verfemte Teil'. Batailles 'La part maudite' erschien zum ersten Mal 1949, in einer Nachkriegszeit, in der niemand an solchen Erklärungen fundamentaler Zerstörung, vorbereitet durch noch jede Vorkriegszeit, interessiert war.
Bildlegende zu: Shooter' von Beate Geissler und Oliver Sann, 2000/ 2001
Im Augenblick des (virtuellen) Tötens ist jede psychische oder seelische Regung verpufft, ja die Seele 'abgeflossen'. Festgehalten wird der Augenblick, in dem die abgebildete Person im Spiel einen ihrer Kontrahenten tötet. Die Aufnahmen der Gesichter der Akteure zeigen diese genau im Moment dieses Tötens. In einer über ein Jahr entwickelten Anordnung, einer Art Versuch mit Ego-Shooter-Spielen (vorwiegend 'Quake III Arena'), deren Ernst erst viel später deutlich geworden ist, haben Beate Geissler und Oliver Sann 2000 und 2001 sogenannte 'lan-events' (=local area network) für 3D-Ego-Shooter Software veranstaltet. Es wurden ausgewählte Spieler aus Chat-Channels für die Aufnahmen eingeladen. Aus unterschiedlichen Berufssparten und sozialen Hintergründen wurden Spieler für diese Aktionen gewonnen. Die Aufnahmen zeigen einen Ausschnitt der fotografischen Arbeit. Die Titel der Bilder setzen sich zusammen aus den Namen, die sich die Spieler selbst gegeben haben, und der Pulsfrequenz des einzelnen Spielers im Augenblick der Aufnahme.
Aus der Serie 'Shooter' von Beate Geissler und Oliver Sann, 2000/ 2001. Hier: 'Yank, 98'
Quelle/ Ort der Erstpublikation einer gekürzten Fassung:
Hans Ulrich Reck, Erfolg/ wider Erfolg (N° 5 der Kolumne 'Dissonante Perspektiven' von Hans Ulrich Reck zur Aussicht der Künste heute, in: Kunstforum International, Bd. 254, Köln Juni-Juli 2018, S. 40-43)
Hans Ulrich Reck
13./ 15./ 16. 2. 18 für dissonante Perspektiven Zsf. 'Kunstforum International' N° 254, Mai 2018 und 'Journal der KHM N° 10 (zweiter Teil beruhend auf der am 14. 4. 17 geschriebenen 1. Fassung des Vorworts zum Katalog Bundeswettbewerb Kunststudierende stellen aus, Bundeskunsthalle Bonn, November 2017)// erste Fassung; korr. 17. 2. 18